Multimedia  
  18.06.1998  
 

CD-Kopierschutz-Bemühungen scheitern an technischem Detail


Eine lange ausgeklügelte Strategie der Musik-Industrie, vom illegalen
Kopieren von Musik-CDs auf CD-Rohlinge für den Heimgebrauch
abzuschrecken, ist offenbar gescheitert. Das Ziel war, das Kopieren für
die Verbraucher wenigstens teuer zu machen, wenn man es denn nicht ganz
verhindern konnte: Ein technischer Trick sollte sicherstellen, daß
urheberrechtlich geschützte Musik nur auf CD-Rohlinge zum Preis von rund
15 DM kopiert werden kann, aber nicht auf eigentlich identische
CD-ROM-Rohlinge, die nur etwa 3 DM kosten. Die großen Musikverleger
hatten die Hersteller von CD-Recordern und Rohlingen,
Philips und
Sony, von einer Kooperation überzeugen können, so daß ein technischer Unterschied zwischen CDs und CD-ROMs bei der
Herstellung eingebaut wurde: Rohlinge sind mit einer chemischen Glasur
überzogen, die zu Dellen deformiert, wo der Laser des CD-Recorders sie
bestrahlt. Außerdem ist die Leer-CD mit einer spiralförmigen Rille
ausgestattet, die dem Laser während des Aufnehmens eine optische
Leitlinie bietet. Auch als Referenz für die Berechnung der abgelaufenen
Zeit dient die Rille, die leicht von Seite zu Seite "wobbelt", so der
Fachbegriff.


Bei der Definition des Standards für beschreibbare CDs führten Philips
und Sony einen winzigen Unterschied zwischen dem "Wobbel-Typ" auf
Musik-CD-Rohlingen und solchen für CD-ROMs ein. So sollte ein
CD-Recorder der Verbraucher-Klasse unterscheiden können, daß auf CD-Rohlinge
kopiert werden kann. Beschreibbare CD-ROMs sollten gleich wieder
ausgeworfen werden.


Der Praxis hat die Theorie des Systems allerdings nicht standgehalten,
seit ein Tester des "Home Cinema Choice"-Magazins beim Testen von
Philips-Recordern einen simplen Trick entdeckte, die Sperre zu umgehen.
Eine einfache Manipulation am CD-Recorder soll das Gerät dazu bringen,
doch auf billige CD-ROM-Rohlinge zu kopieren. Die Details des Tricks,
der die Musik-Industrie offenbar schockiert hat, sollen in der
Juli-Ausgabe der Zeitschrift veröffentlicht werden.
Von Seiten der "International Federation of the Phonographic Industries"
hieß es, der Vorfall bestätige das Argument, daß Musik-Produzenten guten
Schutz benötigten. Falls es sich um einen Design-Fehler im Recorder
handelte, würde Philips diesen sicher korrigieren.


Philips hingegen läßt zwar verlauten, man sei sich des Problems bewußt,
müsse aber noch entscheiden, wie es anzugehen sei. Die CD-Recorder
für rund 1200 DM aus der Massenproduktion sind bereits weltweit seit vielen
Monaten im Handel. Die Musik-Industrie warnt derweil, daß das Kopieren von urheberrechtlich
geschütztem Material in den meisten Ländern nach wie vor illegal ist.



Dörte Saße, newscientist


   
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