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Eine (zugegebenermassen laienhafte) Differenzierung
Paul Dietl
Vorbemerkung: Versucht man herauszustellen, was die Gattung Jazz ausmacht, empfiehlt
es sich, einen Vergleich mit anderen Musiktraditionen, etwa der klassischen
europaeischen Konzertmusik durchzufÜhren. Daß man dabei auch dem
Vergleichsobjekt nherkommt, ist ein angenehmer Nebeneffekt. Was also unterscheidet,
was verbindet den aus Amerika stammenden Jazz und die klassische europische
Musiktradition?
Jazz ist wesentlich improvisierte bzw. er-improvisierte Musik. NatÜrlich
mehr als das, aber die Improvisation ist der Kern, die Quelle des musikalischen
Einfalls.
In seinem BÜchlein fÜr Klassik-AnfÄnger definiert Leonard Bernstein
den mehrdeutigen Begriff klassische Musik als komponierte Musik.
Improvisation ist spontane Komposition. Im Jazz sind Improvisator, Komponist
und Interpret meist ein und derselbe.
Vice versa: am Beginn jeder Komposition steht die Improvisation. Noch keine
Sinfonie ist vom Himmel gefallen.
Aus der zentralen Rolle der Improvisation folgt: Der Instrumentalist - als Musiker
und als Person - ist das A und O der Jazzmusik. Folglich waren große Musiker
im Jazz immer auch außergewÖhnliche PersÖnlichkeiten (Zitat
Luise Rinser Talent ist vor allem eine Sache des Charakters.).
Der Protagonist der klassischen Musik ist der Komponist. Hauptziel der Dirigenten
und Instrumentalisten ist die der Intention des Komponisten gemÄße
Interpretation des MusikstÜcks. Glenn Gould (Interpret der gÜltigen
Version von Bachs Goldberg Variationen) fÜhrte in seinen letzten Lebensjahren
keine Konzerte mehr auf, denn nur in der StudioatmosphÄre sah er die MÖglichkeit
zur Perfektion gegeben. Die Basis des musikalischen Ausdrucks von GefÜhlen
ist hier also die Ratio.
Perfektion ist nicht oberstes Gebot im Jazz, vielmehr aber AuthentizitÄt,
SpontaneitÄt und IndividualitÄt. Wichtige Dimensionen sind der Zufall,
das Unterbewußte, das Archaische, der Blues, die Dissonanz. Der Jazz liebt
das Unerwartete, das Experiment. Livemusik (Performance) ist unersetzlich. Vielleicht
kÖnnte man sagen: Jazz gibt sich meist sehr expressionistisch. Dies widerspricht
nicht der großen Introvertiertheit vieler Musiker. Ein Musterbeispiel
fÜr die fruchtbare Spannung zwischen Extro- und Introvertiertheit ist etwa
Miles Davis.
Klassik will gefallen. Ihr Gestus ist eher impressionistischer Natur. Vielfach
beruht die EingÄngigkeit dieser Musik (wie dies etwa in noch viel hÖherem
Maße bei der Volks- und Popmusik der Fall ist) auf der ErfÜllung
von Erwartungshaltungen, z.B. durch das Mittel der Wiederholung und der AuflÖsung
von spannungserzeugenden Akkordfolgen.
Der Jazz (im speziellen der Free-Jazz) steht der konkreten, volksmusikalischen
harmonischen Ungebundenheit des field cry und des archaischen Folk-Blues nÄher
als der abstrakten, intellektuellen europÄischen AtonalitÄt. AtonalitÄt
ist kein Bruch, sondern natÜrliche Basis. Dies erklÄrt auch, weshalb,
wie in einer amerikanischen Untersuchung gezeigt wurde, etwa Kindergartenkinder
keine Probleme mit dem Free-Jazz haben.
Die wichtigste Ensembleform des Jazz ist die Band, die Combo, also die kleine
Besetzung. BegrÜndet wird dies durch die schon erwÄhnte zentralen
Rolle des Musikers. Der Klang einer Band wird von jedem einzelnen Instrumentalisten
wesentlich mitgeprÄgt, die KlangkapazitÄt jedes Instruments wird konsequenterweise
in allen seinen MÖglichkeiten (und UnmÖglichkeiten) ausgelotet und
erforscht.
Charakteristisch fÜr die Klassik ist der komplexe, vielschichtige und ausgewogene
Sound des großen Orchesters mit seiner Vielfalt an Klangschattierungen
und dynamischen Effekten - ein mÄchtiges Werkzeug zur Entfaltung differenzierter
Seelenlandschaften.
Analog zur kleinen Besetzung wird im Jazz fast ausschließlich die musikalische
Form des Songs verwendet: Vorstellung eines Themas - Improvisation - Reprise
des Themas.
Die fÜr den Orchesterklang adÄquaten grossen Formen sind Sinfonie,
Oper, Oratorium usw..
Noch in einem weiteren Merkmal wird die Vorliebe des Jazz fÜr die kleine
Form sichtbar: sind die Kompositionen der Klassik durch weite, Über viele
Takte, ja ganze MusikstÜcke reichende, SpannungsbÖgen gekennzeichnet,
so beeindruckt die Jazzimprovisation durch die rasante Entwicklung der musikalischen
EinfÄlle und rasche Abfolge von Spannungsaufbau und -auflÖsung. Dies
wird sicherlich auch durch die Natur der Improvisation begrÜndet: es ist
schwierig, spontan, sozusagen ad hoc, 32-taktige Themen zu entwerfen. Kaum ein
Jazzmusiker wÜrde wohl auch eines seiner Solos wiederholen kÖnnen.
Verglichen mit der europÄischen Musiktradition hat der Jazz, was Harmonie
und Instrumentierung betrifft, nichts revolutionÄr neues hervorgebracht,
wohl aber bei den musikalischen Elementen Melodie (Phrasierung), Tonbildung
(Auslotung der MÖglichkeiten eines Instruments, siehe oben) und ganz besonders
beim Rhythmus! Was den swing, das RhythmusgefÜhl des Jazz, ausmacht, lÄsst
sich nur schwer in Worte fassen, am besten vielleicht mit Hilfe eines Vergleichs:
Marschiert der Beat der Rock- und Soulmusik stampfend, kraftvoll und geradlinig
dahin, so scheint der swing aufgrund seiner Leichtigkeit abzuheben und den Boden
nur mehr zu den Richtungswechseln zu berÜhren. Nur Fliegen ist schÖner!!
Schlagwerker dienen in der klassischen Konzertmusik (leider) fast ausschließlich
dazu, um im wahrsten Sinne des Wortes Krach zu machen. Und auch dort, wo sehr
rhythmisch komponiert wurde, reicht man dem Jazz das Wasser nicht. Nichtsdestotrotz
ist Bach fÜr manche Jazzer der Erfinder des Off-Beat, des vom strengen
Taktkorsett befreiten Spiels.
Aufgrund seiner Unbefangenheit und AktualitÄt ist der Jazz in der Lage,
sehr rasch und effizient Ausdrucksmittel aus anderen Musikrichtungen, z.B. der
Soul, Rock- und Popmusik (und in letzterer Zeit natÜrlich des Hip Hop),
in sich aufzusaugen und fÜr die eigenen Belange nutzbar zu machen. Das
selbe gilt in noch hÖherem Maße fÜr das Interesse des Jazz an
der afrikanischen, sÜdamerikanischen und fernÖstlichen Musiktradition,
sowie an der MusikalitÄt der Roma. Viele amerikanische und europÄische
Jazzer haben sich tiefgehend mit diesen Musiktraditionen auseinandergesetzt.
Man spricht von Weltmusik.
Auch in der europÄischen Konzertmusiktradition findet man fremdlÄndische
EinflÜsse. Im Vergleich zum Jazz wirkt die Verarbeitung der selben aber
oft etwas akademisch. Man hat das GefÜhl, daß fremde Stile allzusehr
verabendlÄndischt werden.
Schlussbemerkung: Jazz ist aufgrund seiner Lebendigkeit auch heute vielfach
noch, was er in seiner Entstehung war: Protestmusik. Und sei es nur der Protest
gegen die Erwartungshaltungen und die Bequemlichkeit des ZuhÖreres.
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