Zur Homepage ME-Startseite > ME-Materialien > 5. + 6. Klasse


Klassik vs. Jazz

Eine (zugegebenermassen laienhafte) Differenzierung

Paul Dietl

Vorbemerkung: Versucht man herauszustellen, was die Gattung Jazz ausmacht, empfiehlt es sich, einen Vergleich mit anderen Musiktraditionen, etwa der klassischen europaeischen Konzertmusik durchzufÜhren. Daß man dabei auch dem Vergleichsobjekt nherkommt, ist ein angenehmer Nebeneffekt. Was also unterscheidet, was verbindet den aus Amerika stammenden Jazz und die klassische europische Musiktradition?

Jazz ist wesentlich improvisierte bzw. er-improvisierte Musik. NatÜrlich mehr als das, aber die Improvisation ist der Kern, die Quelle des musikalischen Einfalls.

In seinem BÜchlein fÜr Klassik-AnfÄnger definiert Leonard Bernstein den mehrdeutigen Begriff klassische Musik als komponierte Musik.

Improvisation ist spontane Komposition. Im Jazz sind Improvisator, Komponist und Interpret meist ein und derselbe.

Vice versa: am Beginn jeder Komposition steht die Improvisation. Noch keine Sinfonie ist vom Himmel gefallen.

Aus der zentralen Rolle der Improvisation folgt: Der Instrumentalist - als Musiker und als Person - ist das A und O der Jazzmusik. Folglich waren große Musiker im Jazz immer auch außergewÖhnliche PersÖnlichkeiten (Zitat Luise Rinser Talent ist vor allem eine Sache des Charakters.).

Der Protagonist der klassischen Musik ist der Komponist. Hauptziel der Dirigenten und Instrumentalisten ist die der Intention des Komponisten gemÄße Interpretation des MusikstÜcks. Glenn Gould (Interpret der gÜltigen Version von Bachs Goldberg Variationen) fÜhrte in seinen letzten Lebensjahren keine Konzerte mehr auf, denn nur in der StudioatmosphÄre sah er die MÖglichkeit zur Perfektion gegeben. Die Basis des musikalischen Ausdrucks von GefÜhlen ist hier also die Ratio.

Perfektion ist nicht oberstes Gebot im Jazz, vielmehr aber AuthentizitÄt, SpontaneitÄt und IndividualitÄt. Wichtige Dimensionen sind der Zufall, das Unterbewußte, das Archaische, der Blues, die Dissonanz. Der Jazz liebt das Unerwartete, das Experiment. Livemusik (Performance) ist unersetzlich. Vielleicht kÖnnte man sagen: Jazz gibt sich meist sehr expressionistisch. Dies widerspricht nicht der großen Introvertiertheit vieler Musiker. Ein Musterbeispiel fÜr die fruchtbare Spannung zwischen Extro- und Introvertiertheit ist etwa Miles Davis.

Klassik will gefallen. Ihr Gestus ist eher impressionistischer Natur. Vielfach beruht die EingÄngigkeit dieser Musik (wie dies etwa in noch viel hÖherem Maße bei der Volks- und Popmusik der Fall ist) auf der ErfÜllung von Erwartungshaltungen, z.B. durch das Mittel der Wiederholung und der AuflÖsung von spannungserzeugenden Akkordfolgen.

Der Jazz (im speziellen der Free-Jazz) steht der konkreten, volksmusikalischen harmonischen Ungebundenheit des field cry und des archaischen Folk-Blues nÄher als der abstrakten, intellektuellen europÄischen AtonalitÄt. AtonalitÄt ist kein Bruch, sondern natÜrliche Basis. Dies erklÄrt auch, weshalb, wie in einer amerikanischen Untersuchung gezeigt wurde, etwa Kindergartenkinder keine Probleme mit dem Free-Jazz haben.

Die wichtigste Ensembleform des Jazz ist die Band, die Combo, also die kleine Besetzung. BegrÜndet wird dies durch die schon erwÄhnte zentralen Rolle des Musikers. Der Klang einer Band wird von jedem einzelnen Instrumentalisten wesentlich mitgeprÄgt, die KlangkapazitÄt jedes Instruments wird konsequenterweise in allen seinen MÖglichkeiten (und UnmÖglichkeiten) ausgelotet und erforscht.

Charakteristisch fÜr die Klassik ist der komplexe, vielschichtige und ausgewogene Sound des großen Orchesters mit seiner Vielfalt an Klangschattierungen und dynamischen Effekten - ein mÄchtiges Werkzeug zur Entfaltung differenzierter Seelenlandschaften.

Analog zur kleinen Besetzung wird im Jazz fast ausschließlich die musikalische Form des Songs verwendet: Vorstellung eines Themas - Improvisation - Reprise des Themas.

Die fÜr den Orchesterklang adÄquaten grossen Formen sind Sinfonie, Oper, Oratorium usw..

Noch in einem weiteren Merkmal wird die Vorliebe des Jazz fÜr die kleine Form sichtbar: sind die Kompositionen der Klassik durch weite, Über viele Takte, ja ganze MusikstÜcke reichende, SpannungsbÖgen gekennzeichnet, so beeindruckt die Jazzimprovisation durch die rasante Entwicklung der musikalischen EinfÄlle und rasche Abfolge von Spannungsaufbau und -auflÖsung. Dies wird sicherlich auch durch die Natur der Improvisation begrÜndet: es ist schwierig, spontan, sozusagen ad hoc, 32-taktige Themen zu entwerfen. Kaum ein Jazzmusiker wÜrde wohl auch eines seiner Solos wiederholen kÖnnen.

Verglichen mit der europÄischen Musiktradition hat der Jazz, was Harmonie und Instrumentierung betrifft, nichts revolutionÄr neues hervorgebracht, wohl aber bei den musikalischen Elementen Melodie (Phrasierung), Tonbildung (Auslotung der MÖglichkeiten eines Instruments, siehe oben) und ganz besonders beim Rhythmus! Was den swing, das RhythmusgefÜhl des Jazz, ausmacht, lÄsst sich nur schwer in Worte fassen, am besten vielleicht mit Hilfe eines Vergleichs: Marschiert der Beat der Rock- und Soulmusik stampfend, kraftvoll und geradlinig dahin, so scheint der swing aufgrund seiner Leichtigkeit abzuheben und den Boden nur mehr zu den Richtungswechseln zu berÜhren. Nur Fliegen ist schÖner!!

Schlagwerker dienen in der klassischen Konzertmusik (leider) fast ausschließlich dazu, um im wahrsten Sinne des Wortes Krach zu machen. Und auch dort, wo sehr rhythmisch komponiert wurde, reicht man dem Jazz das Wasser nicht. Nichtsdestotrotz ist Bach fÜr manche Jazzer der Erfinder des Off-Beat, des vom strengen Taktkorsett befreiten Spiels.

Aufgrund seiner Unbefangenheit und AktualitÄt ist der Jazz in der Lage, sehr rasch und effizient Ausdrucksmittel aus anderen Musikrichtungen, z.B. der Soul, Rock- und Popmusik (und in letzterer Zeit natÜrlich des Hip Hop), in sich aufzusaugen und fÜr die eigenen Belange nutzbar zu machen. Das selbe gilt in noch hÖherem Maße fÜr das Interesse des Jazz an der afrikanischen, sÜdamerikanischen und fernÖstlichen Musiktradition, sowie an der MusikalitÄt der Roma. Viele amerikanische und europÄische Jazzer haben sich tiefgehend mit diesen Musiktraditionen auseinandergesetzt. Man spricht von Weltmusik.

Auch in der europÄischen Konzertmusiktradition findet man fremdlÄndische EinflÜsse. Im Vergleich zum Jazz wirkt die Verarbeitung der selben aber oft etwas akademisch. Man hat das GefÜhl, daß fremde Stile allzusehr verabendlÄndischt werden.

Schlussbemerkung: Jazz ist aufgrund seiner Lebendigkeit auch heute vielfach noch, was er in seiner Entstehung war: Protestmusik. Und sei es nur der Protest gegen die Erwartungshaltungen und die Bequemlichkeit des ZuhÖreres.
Æ


ME-Startseite > ME-Materialien > 5. + 6. Klasse
antonkriegergasse | Mein Gästebuch | E-Mail