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Semper-Depot: Manfred Trojahns ‹Enrico"
So qualvoll kann Wahnsinn sein
Von Christine Dobretsberger
Spricht man von einer klassischen ‹Pirandello-Konstellation", so meint dies eine Problematik rund um die Themen Realit¹tsflucht, Aufbau einer Scheinwelt und Wirklichkeitsverlust. Ein Leitfaden, der auch in Luigi Pirandellos Drama ‹Enrico IV." eingewoben ist, gleichzeitig ein Deckmantel des Wahnsinns gesponnen wird, hinter dem sich der Protagonist wohlwissend versteckt, um mit dem realen Leben nicht auf TuchfÙhlung zu gelangen.
Der deutsche Komponist Manfred Trojahn nahm sich dieses Stoffes an (Libretto: Claus H. Henneberg) und schuf mit ‹Enrico" eine knapp 90minÙtige Kammeroper, die momentan im Zuge des KlangBogen '98 als Produktion der Neuen Oper Wien im Semper-Depot zu sehen ist.
So ernsthaft sich Pirandello mit der bitteren Erkenntnis auseinandersetzte, das Leben sei ohne Maskerade kaum ertr¹glich, so ernst nahm Regisseur Werner Pichler diese Botschaft, was die szenische Umsetzung anlangt ‡ und dies gilt nicht nur fÙr die BÙhnenakteure. Vor allem das Publikum bekam Pirandellos Weltschmerz zu spÙren, wurde sardinenm¹¤ig auf harten Kirchenb¹nken zusammengepfercht, zus¹tzlich mit einer historischen KostÙmierung zwangsbeglÙckt, um analog zu Enricos Canossagang, der sich zeitweilig fÙr den Salierkùnig Heinrich IV. h¹lt, Blut und Wasser zu schwitzen. Da¤ der ersehnte Abla¤ dennoch ausblieb, lag weniger an der durchwegs ansprechenden stimmlichen Leistung der SolistInnen (u. a. Rupert Bergmann, Erik Arman, Anna Maria Pammer, Michael Elliscasis), sondern an der Tatsache, da¤ w¹hrend der neun Szenen keinerlei Spannung und Stimmung aufkommen wollte. Bis zuletzt blieb das Interesse an den einzelnen Charakteren flau. Selbst die klassische Dreieckskonstellation Enrico/Matilda/Belcredi (David Cumberland, Priti Coles, Andrea Martin) weckte kaum Emotionen, vernahm sich viel eher als ein langweiliger Abklatsch altbekannter Szenerie.
Auf musikalischer Ebene pa¤te sich Trojahns Tonsetzung an die etwas verstaubte literarische Vorlage an. Gekonnt instrumentiert, ein voller Orchesterklang (Amadeus-Ensemble Wien unter der musikalischen Leitung von Walter Kob³ra), aber unspektakul¹r im Gesamtbild. ‹Bew¹hrte" Stilmittel mischen sich mit sogenannten ‹neuen Kl¹ngen" ‡ das Endprodukt somit weder ‹klassisch" noch besonders innovativ.
Kontrastierend zum musikalischen Lamento, die gelungene BÙhnengestaltung von Andrea Hùlzl. Drei gewaltige rote Stoffbahnen ergie¤en sich Ùber den H¹uptern der ProtagnoistInnen und suggerieren ein flie¤endes Fortschreiten ‡ wahrscheinlich die ironischste ‹Maskerade" des Abends.
Erstellt am: 20.08.98 20:32:00 Copyright Wiener Zeitung