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Enrico (Kritik Presse)

Die Presse, Datum:21.08.1998, Ressort:Kultur


Dumpfbackiger Hofstaat eines bluffenden Herren

Die Neue Oper Wien bescherte dem "Klangbogen" mit Manfred Trojahns "Enrico" doch noch eine sehens- und hörenswerte Musiktheater-Premiere.

VON MARKUS SIBER

Daß eine zeitgenössische Oper die Ehre eines ganzen klassischen Musikfestivals retten muß, soll schon einmal woanders vorgekommen sein. In Wien trug sich nun noch Ungewöhnlicheres zu. Ausgerechnet eine Truppe aus der freien Opernszene war es nämlich, die das bisherige Musiktheaterdebakel des institutionalisierten Wiener "Klangbogens" mit einer hinreißenden zeitgenössischen Opernaufführung ausmerzte.
Daß dies der Neuen Oper Wien nicht wie gewohnt mit einem Werk der klassischen Moderne gelang, sondern mit tatsächlich Zeitgenössischem, gebietet darüber hinaus Respekt und wird auch bei der bevorstehenden neuen Rollenverteilung in Wiens freier Opernszene zu berücksichtigen sein. Und noch etwas darf nicht hinten angehalten werden: Erstmals konnte das bezaubernde Semper-Depot durch sprühenden Einfallsreichtum szenisch und akustisch für eine Opernpremiere ohne Abstriche fruchtbar gemacht werden.
Die reizvolle Luigi-Pirandello-Vertonung Manfred Trojahns war der nährstoffreiche Boden, auf dem der Premierenerfolg am Mittwoch im Semper-Depot fußte. Die Geschichte um den zunächst dem Wahnsinn verfallenen Enrico, der zwanzig Jahre glaubt, Heinrich IV. zu sein, dann aber nur noch in historischen Kostümen Hof hält, weil er erkennt, daß er nur in diesem abgekarteten Spiel als vorgeblich Geisteskranker wirklich frei von gesellschaftlichen Zwängen agieren kann, wurde von dem deutschen Komponisten gewieft in stimmig-stimmungsvolle Klänge gekleidet.
Da hörte man nicht nur trocken-mathematisches Neugetöne, sondern durfte sich auch über Fleisch an den musikalischen Knochen freuen. Immer wieder, wenn Enrico mit seinen bohrenden Gedanken im Bühnenrund allein gelassen wurde, waren zartbesaitete Lyrismen in den oszillierenden Orchesterstimmen über getupften Ostinatobässen zu vernehmen, konnten sogar diatonische Streichermodulationen ausgemacht werden. Dann gebärdete sich das bunte Klanggewebe aber auch wieder aufheulend, brutal.
Eigentlich begann die Aufführung schon vor dem Auftakt des Dirigenten Walter Kobára: Das Publikum wurde mit weißen Umhängen bedacht, bevor es sich ins enge Holzgebänk des Zuschauerraums zwängte - es spielte also mit in Enricos Maskerade. Auf der Bühne gelangen dem Team um Werner Pichler mit einfachsten Mitteln eindrucksvoll-stimmige Bilder. Unvergeßlich zum Beispiel, wie der stimmlich wie darstellerisch packende David Cumberland als Enrico alias Heinrich IV. auf dem Rüstungsgestell seines Pferdes thronte. Komödiantisch brillant gab sich Enricos dumpfbackiger Hofstaat, der seinen realitätsflüchtigen Herrn von der Welt abschirmte. Geballte Sangeskraft strahlte einem in den weiteren Hauptrollen entgegen: Priti Coles (Matilda), Anna Maria Pammer (Frida), Michael Elliscasis (Carlo), Andrea Martin (Belcredi) und Rupert Bergmann (Dottore) waren eine wahre Freude.


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