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Klasse
Wien - Drei pausenlose Stunden lang schleppte sich unter freiem Himmel Mozarts Le nozze di Figaro dahin. Spannend wurde es für die Besucher erst nach Ende der Vorstellung. Denn als sie sich anschickten, den nächtlichen Schoßpark von Schönbrunn wieder zu verlassen, versperrte ihnen plötzich ein brusthohes Gitter den Weg. Hilfe kam nicht und so blieb gar kein anderer Ausweg übrig, als eben kletternd das Hindernis zu überwinden. Die Leute trugen es mit Humor, irgend jemand meinte lakonisch, man sei hier mit dem einzig originellen Regiegag des ganzen Abends konfrontiert.
Dem ist nur beizupflichten. Denn Robert Herzls Inszenierung hatte so ziemlich alle Pointen vergeben, die das Stück an sich zu bieten hätte - dabei wollte die Aufführung ihrem Anspruch nach gar nicht mehr sein als unterhatsames Sommertheater Enttäuschend auch die Ausstattung, weil es Pantelis Dessyllas nicht verstanden hat, das einmalige Ambiente vor der römische Ruine als lnspirationsquelle zu nutzen.
Freiluftaufführungen stellen in der Regel akustisch nur bedingt zufrieden. In Schönbrunn ist das nicht anders. Der Orchesterklang kam verzerrt über die Verstärkeranlage, Jan Latham-Koenig am Dirigentenpult irritierte durch Tempi, die in ihren Relationen oft nicht stimmten, und auch mit der Koordination zwischen der Bühne und dem Orchestergraben wollte es nicht immer klappen.
Kein Wunder, daß die meisten Sänger unter solchen Bedingungen musikalisch ziemlich unsicher wirkten. Doch auch an guten Stimmen hatte die Wiener Kammeroper diesmal nicht sonderlich viel zu bieten. Sebastian Holecek immerhin ist als Figaro ein Versprechen für die Zukunft. Restlos Überzeugen konnte aber einzig Ildiko Raimondi. Ihre Susanna war eine Augen- und Ohrenweide, ihre stilvoll und mit viel Ausdruck gesungene Rosenarie der einzige Lichtblick des Abends.
Peter Blaha
Zu viele Kasperliaden
Mit Le nozze di Figaro begann das Freiluft-Festival in Schönbrunn bei der Römischen Ruine: Mit neuen Stimmen, doch leider überinszeniert.
Eine Freude fürs Auge ist nach wie vor, was Bühnenbildner Pantelis Dessyllas in die Römische Ruine hineingebaut hat Die zu ständigem Szenenwechsel bereite Spiel-Rotonde verführt förmlich zu losem komödiantischen Treiben. Regisseur Robert Herzl reagierte schon im Vorjahr darauf mit der ihm eigenen Lebhaftigkeit. Er schickte zwar häufig etwas zuviel Gesinde für stumme Szenen auf die Bühne, doch insgesamt war es eine Mozart durchaus gerechte, lebendige Interpretation.
Für 1995 hat Herzl deutlich an seinem Konzept weitergearbeitet - leider nicht zum Vorteil. Zu viel Klamauk, zu viele billige Gags und auch verstärkte Manieriertheit mögen zwar im Publikum ihre Lacher finden. Wer den Tollen Tag jedoch als Mozart-Oper erleben wollte, ging etwas irritiert nach Hause.
Die Premierenbesetzung - für die Vorstellungsserie stehen noch jeweils eine bis zwei Alternativen bereit - wartete mit teilweise neuen Namen auf. Sein Rollendebüt als Figaro gab Sebastian Holecek, mit ererbtem natürlichem Spieltemperament, das ihm über stimmliche Unsicherheiten und noch wenig perfekten Rezitativstil hinweghalf. Eva Johansson ist die neue attraktive Gräfin, überzeugend in dramatischen Momenten. Mozarts Kantilene freilich bleibt ihr vorläufig fremd.
Neu auch Anna Maria Di Miccos Cherubino: Ein fröhlicher, zu wenig pubertär verwirrter Wirbelwind, gesanglich nicht über ein Mittelmaß hinausragend. Doch ein Glücksfall für Mozart in Schönbrunn bleibt weiterhin Ildiko Raimondi als Susanna: Eine in jeder Hinsicht bezaubernde Erscheinung mit edler Gesangskultur. Ihr Graf bei der Premiere war, wie im letzten Jahr, David Pittman-Jennings: Er gibt ihn als geilen alten Kracher und knödelt beim Singen, beides wirklich nicht im Sinne Mozarts.
Daneben ein Ensemble aus bewährten und neuen Kräften. Am Pult stand erstmals in Schönbrunn Jan Latham-Koenig: Ein versierter Musiker, der für einen lebhaften Ablauf sorgte und sich nur ein weniger strohig klingendes Orchester verdient hätte. e. j.
Mozart
als Sommerspektakel: Verwirrspiel im Schloßpark
Opern-Open-Air: Wiederaufnahme von Le Nozze di
Figaro vor der Römischen Ruine in Schönbrunn
Frei nach Wilhelm Busch: Musik wird als störend oft empfunden, ist
sie mit zu langem Sitzen verbunden. Drei Stunden Mozart nonstop können
auch in lauen Sommernächten mit nur mäßig angriffslustigen Gelsen
eine Strapaze sein: Samstag suchten Besucher vorzeitig das Weite bei Mozarts
Figaro ohne Pause vor der malerischen Römischen Ruine in Schönbrunn.
Die ebenso reizvolle wie professionelle Aufführung liefert dafür keinen
Grund. Denn alles dreht sich, alles bewegt sich in den Kulissen rund um das
erotische Verwirrspiel. Robert Herzls kunterbunte Inszenierung läßt
an Komödiantik, Action und special effects nichts zu wünschen
übrig. Und der von Pantelis Dessyllas aufwendig gestaltete Palazzo samt
integrierter Drehbühne spielt alle Stückeln.
Neu im homogenen Ensemble: Sebastian Holecek - kein kraftvoller, sondern ein
eher leiser Figaro, der zwar klanglich schön und dynamisch differenziert
singt, aber seltsam unlebendig wirkt. Auch David Pittman-Jennings ist kein strahlender
Almaviva.
Herausragend dagegen: Ildiko Raimondi als Susanna, eine Sängerin von Präzision,
Musikalität und Stimmschönheit und Interpretin einer berührenden
Rosenarie, sowie Anna Maria Di Micco als Page Cherubino, der alle bezaubernde
Bub.
Trotz insgesamt vorbildlicher Tontechnik knackte und knisterte ein offensichtlich
defekter Lautsprecher. Und nach der Vorstellung irrte das Publikum durch den
Schloßpark, weil der nächste Ausgang verschlossen war. Aber das blieben
die einzigen Schönheitsfehler eines Spektakels samt Feuerwerk, das nicht
nur Touristen bedienen, sondern auch Mozart-Freunde zufriedenstellen
kann.
Werner Rosenberger