Schulchronik
28. Juni 2003 HELMUT SCHLIESSELBERGER
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zum Original auf der Online-Ausgabe der Salzburger Nachrichten]
Endlich, die rettenden Schulferien stehen vor der Tür. Das denkt sich heuer nicht nur manch gerade noch durchgekommener Schüler oder der eine oder andere überarbeitete Lehrer.
Auch Bildungsministerin Elisabeth Gehrer hat sich samt ihrer vom Diktat der leeren Kassen des Finanzministers geprägten Schulreformaktivitäten in die großen Ferien gerettet. Im Vorjahr war es bei der Universitätsreform ähnlich: Im Sommer wird nicht protestiert. Und danach ist die Sache gelaufen.
Noch einmal durchgekommen. Schon wird ministeriell "Schwamm drüber" verordnet: Über Streiks und eine völlig verkehrt aufgezäumte Stundenreduktionsreform. Im Herbst soll an den Schulen wieder Ruhe einkehren und brav gearbeitet werden. Doch: Schüler werden nicht, wie geplant, in ihren vertiefenden Schwerpunktfächern maturieren können. Hunderte jahrelang im vagen Vertragslehrerzustand gehaltene junge Pädagogen werden ohne Job dastehen. Mühsam freigeschaufelte autonome Schulschwerpunkte werden zusammenbrechen. Es wird weiter gären.
Die Einsparungen sind ein kleiner Strich im Budgetgesetz, aber ein großer Rückschritt für die Schulen. Nicht zuletzt im Hinblick auf das Vertrauen, das Entscheidungen der Schulbehörden entgegengebracht wird. Der Versuch, eine reine Budgetentlastungsmaß-nahme als Entlastung der Schüler zu bemänteln, ging nicht auf. Durch die Stundenkürzung werden 117 Mill. Euro jährlich eingespart. Das zählt: Zu Beginn der Budgetverhandlungen waren Bildungs- und Finanzministerium um Hunderte Millionen Euro auseinander.
Statt sich Zeit zu nehmen, ein pädagogischdidaktisches Fundament für sinnvolle Kürzungen und neue Lehrpläne zu schaffen, kamen Blitz-Lehrplanänderungen, die nur so aussehen konnten: "In Anlage A, 6. Teil lit. A Z 1 entfallen im Lehrstoff des Pflichtgegenstands ,Geometrisch Zeichnen' die Überschriften ,3. Klasse' und ,2. Klasse'."
Natürlich hat Gehrer Pech mit der Altersstruktur der Lehrer, die in den nächsten Jahren extrem teuer kommen. Dass "junge Kollegen" an den Schulen heute Mitte 30 sind, ist nicht nur wegen der Lohnsumme ein Problem. Neu gedachte Schule braucht junge, neu ausgebildete Lehrer. Nur, für Junglehrer sieht es dank Stundenkürzung düster aus.
Gehrer hat großes Gewicht in der Regierung. Viele hätten sich erwartet, dass sie für ihre Schulen zumindest so kämpft, wie andere für die Ausstattung ihrer Fluggeräte.
Ein Hungerjahr auch für die Universitäten: Die Forschungstöpfe sind leer, die Uni-Milliarde ist im Budget versickert, mit den Studiengebühren werden Budgetlöcher gestopft. Dieser Staats-Geiz hat langfristige Folgen. Im Bildungsbereich schlägt jeder richtig investierte Euro zigfach zu Buche. Das gilt umgekehrt auch für Einsparungen. Österreichs Zukunft hängt direkt von diesen Investitionen ab.
Bildung ist aber nicht nur eine Frage des Budgets. Österreich hat die höchsten Ausgaben bis zum Pflichtschulende und die teuersten Uni-Absolventen. Autonome Unis werden mehr Effizienz bringen. Auch die neue Zukunftskommission, die Lehrpläne durchforsten und "Schule neu denken" soll, könnte langfristig viel bewegen. In unserem Bildungssystem passiert zu viel auf Zuruf - nicht nur, aber immer öfter des Finanzministers - und ohne durchgängiges Konzept. Ein zehnjähriger Bildungsplan über politische Grabenkämpfe hinweg ist kaum vorstellbar. Wie weit wird die Politik diesmal die Experten beim Denken bremsen?
Der bedrohlichste aller Multiplikatoreffekte hat nicht direkt mit dem Budget zu tun. Er tritt dann ein, wenn engagierte Lehrer auf wiederholte Verschlechterungen ihrer Arbeitsbedingungen mit innerer Emigration und "Dienst nach Vorschrift" reagieren. Die jüngsten Worte des Rektors der Uni Wien an seine Kollegen können auf die Lehrerschaft ausgedehnt werden: "Bitte, bleiben Sie motiviert!"
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